Düsseldorf

Die Kiefernstraße – Industrie, Widerstand und Gegenkultur
Ein Beitrag von Finn Schüttler
Werden Menschen von außerhalb gefragt, was Düsseldorf für sie ausmacht, haben die Antworten vermutlich oft etwas mit Kö, Mode und Luxus zu tun. Die Stadt wird das Vorurteil, etwas „schickimicki“ zu sein, einfach nicht los. Doch unter dieser sehr von Stereotypen geprägten Wahrnehmung Düsseldorfs verbirgt sich eine Stadt, welche durch eine lange Geschichte politischer Auseinandersetzungen über Emanzipation, Selbstbestimmung und den Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft geprägt ist. Das beste Beispiel dafür befindet sich in Flingern-Süd, unweit der Brauerei Kürzer und des Zakk: die Kiefernstraße.
Die Kiefernstraße als Arbeiter:innenviertel
Die damals noch unbedeutende Kiefernstraße erhält ihren heutigen Namen am 30. September 1902, als der Stadtteil Flingern noch stark durch die Stahlindustrie geprägt ist. Um ihren Arbeiter:innen Wohnraum in der Nähe der Fabrik zur Verfügung stellen zu können, errichteten die Klöckner-Werke dort zwischen 1905 und 1910 Arbeiter:innenwohnungen. Durch die Anwerbeabkommen ab Anfang der 1960er Jahre zogen immer mehr Gastarbeiter:innen in das Viertel, welches fortan stark durch die migrantischen Communitys und das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen geprägt wurde.
Die wilden 80er Jahre – Widerstand und Hausbesetzungen
Stadt- und später auch bundesweite Bekanntheit erhält die Kiefernstraße jedoch erst in den 80er Jahren. Als die Klöckner-Werke im Jahr 1975 schlossen, gingen die Wohnungen zwei Jahre später in den Besitz der Stadt Düsseldorf über. Diese begann sofort mit Entmietungen, denn die Stadt wollte die Häuser in der Kiefernstraße abreißen und auf dem Gelände Platz für ein neues Gewerbegebiet schaffen. Obwohl bezahlbarer Wohnraum Mangelware war, zogen die Bewohner:innen von 100 Wohnungen bis 1981 aus und waren gezwungen, woanders neu anzufangen. Gegen dieses Vorgehen der Stadt regte sich schnell Protest: Als Zeichen gegen Wohnungsleerstand und für bezahlbaren Wohnraum für alle Menschen machte sich die Hausbesetzer:innen-Szene in der Kiefernstraße breit, besetzte die Wohnungen zunächst illegal und renovierte sie, um die Straße wieder lebenswert zu machen.
Die „Kiefern“, wie die Straße von Anwohner:innen genannt wird, wurde durch diese Geschehnisse zum Symbol für den Widerstand gegen Vertreibung und Wohnungsnot. Es entstand ein politischer Konflikt mit der Stadt, welcher erst nach den Kommunalwahlen im Jahr 1984 entschärft werden konnte, als sich die politischen Mehrheiten änderten und die neu gewählte Bezirksvertretung den Abrissbeschluss zurücknahm. Ruhig wurde es um die Kiefernstraße jedoch trotzdem nicht. Als das RAF-Mitglied Eva Sybille Haule-Frimpong im Jahr 1986 gemeinsam mit zwei Bewohner:innen der Kiefernstraße festgenommen wurde, startete die Polizei eine Großrazzia mit 800 Polizist:innen in der Straße und die Kiefern wurde bundesweit als vermeintliches Problemviertel bekannt. Der Konflikt um die Häuser konnte jedoch weiterhin beigelegt werden. Im Jahr 1988 wurden die Mietverträge der Bewohner:innen der Kiefernstraße final anerkannt und somit die Wohnverhältnisse legalisiert.
Zwischen Kunst und Gegenkultur: Die Kiefernstraße heute
Heutzutage ist die Kiefernstraße vor allem für ihre Kunst, ihre Diversität und den weiterhin spürbaren widerständigen Charakter über die Stadtgrenzen Düsseldorfs hinaus bekannt. Das Kulturbüro Kiefernstraße organisierte ab 2003 die Bemalung der Häuser, die rund 800 Bewohner:innen verstehen sich als Dorfgemeinschaft und Community, bestehend aus Menschen aus 45 unterschiedlichen Nationen, mit verschiedenen Religionen und sozialen Lebensrealitäten. Begegnungsorte und kulturelle Angebote wie die Kunstgalerie K4 Kulturbureau, der Punk-Club AK47 mit seinen Konzerten und Flohmärkten oder das nahe gelegene Zakk machen die Kiefernstraße zu einem lebendigen Viertel, welches in dieser Form in Deutschland wohl kein zweites Mal zu finden ist.
Die Kiefernstraße beweist somit wie kein anderer Ort, dass Düsseldorf bedeutend mehr als Kö, Mode und Luxus ist. Sie veranschaulicht im Kleinen, wie ein Zusammenleben basierend auf kultureller Vielfalt, Solidarität und sozialem Miteinander aussehen kann und wird daher von vielen Menschen auch als Vorbild für die Gesamtgesellschaft angesehen.